Bei einer Million Likes schlafe ich mit einem Hund

am Jan 23, 13 unter Soziale Netzwerke von No Comments

Erst Apple, jetzt Facebook: was früher cool, wird langsam blass. Die Menschen sind satt. Sie wollen nicht mehr das, was jeder hat. Sie wollen nicht benutzen, was jeder benutzt. Sie suchen nach etwas Neuem, und wirklich verwunderlich ist das nicht. 

Es liegt in unserer Natur, dass wir uns nur so lange mit etwas beschäftigen, bis wir genug davon haben. Das kann etwas zu essen sein, das kann der aktuelle Partner sein, das kann aber auch ein soziales Netzwerk oder irgendein technisches Spielzeug sein. Wir wurden in eine Welt hineingeboren, in der es genug von allem gibt – zumindest dort, wo die Menschen Apple und Facebook nutzen (können). Und die Unternehmen machen es uns auch wirklich leicht. Mit ihren Strategien zwingen sie uns ja beinahe dazu, auf die Suche nach Alternativen zu gehen.

Ein Blick zurück

Facebook war in Deutschland noch weitgehend unbekannt, als ich mich am 12. März 2007 dort anmeldete. (Ja, ich habe gerade nachgesehen – ich bin tatsächlich schon so lange dabei.) Ende 2007 hatte ich zehn Freunde, zwei Bilder hochgeladen und fünf Statusupdates verfasst. Mehr war nicht passiert. Stattdessen tobte man sich damals noch bei den VZ-Klonen aus. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Denn schon 2008 ging es mit den Nutzerzahlen auch in Deutschland nach oben. Von einer Explosion zu sprechen, wäre übertrieben. Doch es tat sich einiges – und längst war nicht alles schlecht. Im Februar 2008 hatte man Facebook für den spanischsprachigen Markt lokalisiert, es folgten die deutschen und französischen Übersetzungen. Immer mehr Menschen meldeten sich an, und man traf plötzlich auf Bekannte, die man seit Jahren nicht gesehen hatte.

Von 5,75 Millionen aktiven Nutzern im Januar 2009 schossen die Zahlen bis Ende 2012 auf über 25 Millionen allein in Deutschland in die Höhe. Anfang Oktober 2012 vermeldete Facebook-Gründer Mark Zuckerberg in einem Blogeintrag, dass weltweit bereits über eine Milliarde aktive Nutzer registriert seien – rein rechnerisch wäre damit etwa jeder siebte Erdbewohner im sozialen Netzwerk vertreten. War zu Beginn alles ein riesiges Ausprobieren, wurde es mit zunehmender Größe von Facebook immer schwieriger, den Überblick zu behalten.

Am Anfang war Facebook wie ein großes Klassentreffen. Man meldete sich an und bastelte ein (digitales) Namensschild mit Foto drauf. Wer Lust hatte, konnte noch dazuschreiben, was er in seinem Leben schon alles erreicht hatte. Das war es eigentlich schon. Anschließend machte man sich auf die Suche nach bekannten Gesichtern. Man sagte kurz Hallo, und wenn man sich etwas zu sagen hatte, unterhielt man sich. Freundschaften, die längst erloschen waren, bekamen plötzlich eine zweite Chance. Klassenkameraden, mit denen man in der Grundschule die Kreide versteckt hatte, tauchten aus der Versenkung auf. Es war eine aufregende Zeit ohne Verpflichtungen. Verstoß gegen die Privatsphäre? Werbung? Weitergabe von Daten? Alles Hirngespinste. Man genoss das Wiedersehen mit alten Bekannten und blendete alles andere aus. Es war nicht schwer sich dieser Ignoranz hinzugeben. Denn die dunklen Wolken am Horizont waren noch kaum zu erkennen.

Anfang 2013 habe ich erstmals gemerkt, wie fremd mir dieses Facebook inzwischen geworden ist. Es war kurz nach Silvester. Ich meldete mich an und wurde darüber informiert, dass sich schon wieder etwas geändert hatte. Nach dem großen Coverbild, dem neuen Messenger, der Aktivitätsanzeige und der aufgezwungenen Timeline nun also die Möglichkeit, darüber zu entscheiden, wer was wann und wie lange und überhaupt sehen darf. Rückwirkend, zukünftig und gegenwärtig – ich fühlte mich mal wieder überrumpelt. Kurz wollte ich noch verstehen, was das nun wieder soll. Doch schließlich gab ich genervt auf. Was vor ein paar Jahren noch jeder Depp verstehen konnte, war nun zu einer Wissenschaft verkommen. Die vielen Änderungen – Facebook nennt sie Verbesserungen – haben ein einfaches System dermaßen verkompliziert, dass der Einstieg immer schwerer fällt und das Verbleiben zur Qual wird.

Das Übel mit den Lesebestätigungen

Ein Beispiel: Jeder kennt Empfangsbestätigungen. Wenn die Post kommt, muss man quittieren, dass man eine Sendung auch erhalten hat. Dann ist der Bote auf der sicheren Seite, und der Absender kann beruhigt sein, dass auch alles angekommen ist. Eine besondere Verpflichtung für den Empfänger gibt es nicht – es sei denn, er muss vielleicht eine Rechnung bezahlen, weil er einen Pullover bestellt hatte. Aber so läuft das nun mal, das alles ist jedenfalls ziemlich sinnvoll.

Irgendwann muss ein schlauer Kopf auf die Idee gekommen sein, diese Empfangsbestätigung auch bei E-Mails einzuführen. Vermutlich war ihm ein wichtiges Geschäft durch die Lappen gegangen, weil er davon ausgegangen war, dass die gesendeten Informationen auch gelesen werden. Sein Gegenüber war jedoch in Bermudas auf den Bahamas und konnte die E-Mails nicht lesen. Pech gehabt. Seit damals können jedenfalls auch bei digitalen Korrespondenzen über Outlook und Co. Lesebestätigungen angefordert werden. Eine Möglichkeit, von der ich nur sehr ungerne Gebrauch mache.

Denn sobald ich diese Option wähle, setze ich nicht nur meinen Kommunikationspartner, sondern auch mich unter Druck. Sobald die E-Mail versendet wurde, erwarte ich eine Antwort. Erst recht, wenn die Lesebetätigung bei mir eingegangen ist. Kommt dann nicht innerhalb kürzester Zeit eine Rückmeldung, fange ich an, mir Gedanken zu machen. Habe ich mich im Ton vergriffen? Habe ich etwas falsch gemacht? Will der Mensch am anderen Ende vielleicht seine Ruhe haben? Gleichzeitig sitzt dieser vor seinem Computer oder blickt auf sein Smartphone und kriegt mit jeder Stunde, die verstreicht, ein schlechteres Gewissen. Denn er weiß, dass ich weiß, dass er meine E-Mail gelesen hat und dass ich auf eine Antwort warte. Kommunikation ist manchmal schon ganz schön kompliziert. Und dabei habe ich mich bisher nur auf die Arbeit bezogen. Bei Facebook wird es jedoch persönlich. Und das ist noch mal ein ganz anderer Schnack.

Nachrichten versenden kann man bei Facebook bereits von Anfang an. War es zu Beginn nicht viel mehr als eine Mischung aus SMS und E-Mail, hat das soziale Netzwerk seinen Messenger in den vergangenen Jahren zu einer richtigen Nachrichtenzentrale ausgebaut. Es gibt eine Chat-Funktion, wie man sie von Skype kennt. Auch eine eigene E-Mail-Adresse haben die Nutzer. Für Smartphones und Tablets gibt es passende Apps – selbst (Video)-Telefonie ist mittlerweile möglich. Der Preis dieser „Verbesserungen“: eine ständige Überwachung.

Denn im Chatfenster wird immer angezeigt, wann ein anderer Nutzer zuletzt online war. Außerdem werden kleine Häkchen eingeblendet, sobald eine Nachricht gelesen wurde. Selbst die Uhrzeit steht dabei. Nie wieder wird man behaupten können, man habe etwas nicht gelesen – denn Facebook überführt einen sofort. Es wird ein immenser Druck aufgebaut – angeblich sind schon Beziehungen zerbrochen, weil auf bestimmte Nachrichten nicht reagiert wurde. Unter gesunder Kommunikation verstehe ich etwas anderes.

Es überrascht darum nicht, dass in den vergangenen Wochen und Monaten immer neue Berichte die Runde machen, dass das Wachstum beim sozialen Netzwerk zurückgeht. Es wird sogar behauptet, dass ein Nutzerschwund eingesetzt hat. Der britische Guardian sprach neulich von 600.000 verlorenen Nutzern im Dezember alleine in Großbritannien. Die Tageszeitung bezog sich auf Daten des Social-Media-Dienstleisters Socialbakers, die allerdings mit etwas Vorsicht zu genießen sind. Es dauerte daher auch nicht lange, bis das Dementi von Facebook folgte.

Passend kommt dann noch hinzu, dass eine Umfrage ergeben hat, dass jeder dritte Facebook-Nutzer mit Gefühlen wie Frustration, Neid und Unzufriedenheit vor dem Bildschirm sitzt. Schuld daran sind die Bilder und Berichte von Urlaubsreisen, Partys und Beziehungen, die andere Nutzer im Netzwerk teilen. Das behaupten zumindest die Forscher, die 600 Facebook-Nutzer für ihre Untersuchung befragt haben. Wer ständig vor Augen geführt bekommt, was für aufregende Leben die Mitmenschen führen, wird zunehmend frustriert. Die allgemeine Lebenszufriedenheit sinkt, heißt es. (PDF)

Allerdings – und das darf man nicht vergessen – gab es bereits andere Studien, die Facebook eine ähnlich befriedigende Wirkung wie Sex und gutes Essen attestierten. Klar ist darum nur – Facebook macht etwas mit uns, es beeinflusst unser aller Leben – das jedoch längst nicht mehr so positiv wie früher. Bei einer Umfrage zur Beliebtheit von sozialen Netzwerken landete Facebook vor kurzem auf dem vorletzten Platz, weit hinter Spitzenreiter Google+.

Der Chef der Marktforscher von ForeSee, die die Untersuchung in Auftrag gegeben hatten, nannte drei Gründe für die schlechte Bewertung Facebooks durch die eigenen Nutzer: 1. Die wachsenden Bedenken zu Privatsphäre und Sicherheit auf der Plattform; 2. Die Verunsicherung durch die häufigen Änderungen bei Facebook; 3. Die Einführung und Ausweitung von Werbung innerhalb des sozialen Netzwerkes.

Ist es da verwunderlich, dass sich die Mitglieder auf die Suche nach Alternativen machen? Kaum. Schließlich herrscht kein Mangel an Angeboten. Google+, Twitter, Path, Tumblr, EyeEm und Co. stehen längst bereit. Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis der Exodus bei Facebook einsetzt. Wohin die Reise der Nutzer geht, steht in den Sternen. Vermutlich werden es nicht die oben genannten Alternativen sein. Vermutlich gibt es dann schon längst etwas komplett Neues. Aber so war es ja auch ganz am Anfang, als Facebook noch jung und unschuldig aus der Wäsche guckte und dann zum nächsten großen Ding wurde.

Von Sex und niedlichen Hunden

Apropos unschuldig: Ganz zum Schluss muss ich noch die Überschrift auflösen. Und natürlich hat sie etwas mit Facebook zu tun. Es stecken zwei Geschichten dahinter, die nur Facebook so schreiben kann. Zum einen gibt es fünf amerikanische Geschwister, die sich einen Welpen gewünscht haben. Ihr Vater stellte die Bedingung, dass sie dafür erst eine Million Facebook-Likes sammeln müssten. (Das sind diese kleinen blauen Daumen, mit denen man im Netzwerk mitteilen kann, dass einem etwas gefällt.) Er war sich ziemlich sicher, dass das unmöglich ist. Doch der Aufruf der Kinder wurde zum Hit – und nun haben sie ihren Hund.

Weniger niedlich, aber genauso erfolgreich war der Versuch von Petter Kverneng aus Norwegen. Der Teeny lud ein Bild bei Facebook hoch, auf dem er neben einem jungen Mädchen sitzt. Ebenfalls auf dem Foto zu sehen ist ein gelbes Plakat mit der Aufschrift: “Cathrine sagt, wenn ich eine Million Likes bekomme, wird sie mit mir schlafen. Bitte teilen und liken.” Das Ende der Geschichte: Es dauerte nur ein paar Stunden, dann war die Million erreicht. Facebook macht’s möglich.

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