Why Privacy Sucks – when it comes to Art

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Privatsphäre ist ganz großer Käse. Das Recht am eigenen Bild gehört abgeschafft. Wie können wir uns anmaßen, immer noch unterscheiden zu wollen, ob jemand in der Öffentlichkeit auftritt oder privat unterwegs ist. Schließlich geben wir zuhause vor dem Computer viel mehr von uns preis, als wir das bei Veranstaltungen oder auf der Straße tun. Politiker, Stars oder der Nachbar von gegenüber: Vor dem Gesetz ist angeblich jeder gleich – nicht aber vor der Kamera. Es wird höchste Zeit, dass der Mensch erkennt, dass sein Leben nicht länger ihm gehört, sondern Teil einer großen Dokumentation ist. Einer Dokumentation, die bereits vor vielen Jahrhunderten begann – und deren Höhepunkt wir nun erreichen. 

Gestern war ich im Museum. Eigentlich war es eine Galerie. Aber „Gestern war ich in einer Galerie“ klingt als erster Satz längst nicht so schön wie „Gestern war ich im Museum“. Ich war in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt, mein erster Ausflug in das Ausstellungshaus im Herzen der hessischen Metropole.

1986 eröffnet wurden in der Schirn, wie sie umgangssprachlich auch genannt wird, bisher über 150 Ausstellungen gezeigt. Über eine eigene Sammlung verfügt die Kunsthalle inmitten der Frankfurter Altstadt nicht. Immer wieder werden dort jedoch Werke einzelner Künstler ausgestellt und Projekte und Ausstellungen zu ausgewählten Themen organisiert. Als nächstes steht ab dem 15. Februar „Yoko Ono. Half-a-Wind Show“ auf dem Programm.

Bis zum 3. Februar heißt das Thema jedoch noch „Privat. Das Ende der Intimität“. Ai Weiwei, Sophie Calle, Ryan McGinley, Jörg Sasse, Leo Gabin, Gabriel de la Mora und viele mehr haben „Einblicke in das Private gewährt“, heißt es im Vorwort des Ausstellungskatalogs. Doch neben den noch lebenden Künstlern sind auch Werke der bereits verstorbenen Andy Warhol und Dash Snow zu sehen. Fotos, Installationen, Töne und Videos – es gibt viel zu entdecken, ein Besuch lohnt sich wirklich.

Michel Auder: Keeping Busy (Ausschnitt), 1969. © Michel Auder, Courtesy Aurel Scheibler, Berlin

Michel Auder: Keeping Busy (Ausschnitt), 1969. © Michel Auder, Courtesy Aurel Scheibler, Berlin

 

Warum die Ausstellung „Privat“ betitelt ist, wird schnell klar. Blendet man all die Werke aus, auf denen Menschen im Mittelpunkt stehen, bleiben weiße Wände, leere Rahmen und der Staub auf dem Fußboden übrig. Privat bedeutet Mensch, bedeutet Mensch für sich – ohne Kamera, ohne Beobachter. Kunst und Privat schließen sich daher eigentlich aus. Kunst kann im Zusammenhang mit Menschen nicht privat sein. Privat ist niemand, wenn er zum Gegenstand eines Kunstwerkes wird. Darum mein Einwand ganz am Anfang: Die Kunst wäre sehr eintönig, dürfte sie sich nicht in unser Leben einmischen, dürfte sie nicht die Grenzen von Privat und Öffentlich verschwimmen lassen.

Der österreichische Kurator Max Hollein schreibt im Vorwort zum Ausstellungskatalog:[quote]„Privatsphäre und Öffentlichkeit, ein Gegensatzpaar, an das wir uns über Jahre gewöhnt hatten, löst seine solide Beziehung gerade auf. Mannigfaltige Symptome berichten von der dramatischen Verschiebung des Verhältnisses in jüngerer und jüngster Zeit: Die öffentliche Inszenierung privater Ereignisse, Homestories, Talkshows, Reality-TV, private Homepages, Chatrooms, digitale Fotoalben im Internet sowie die Präsentation von Persönlichkeitsprofilen für eine weltweite virtuelle Gemeinde sind nur einige Hinweise auf neue Formen öffentlicher Darstellung von Privatheit. Mark Zuckerberg hat die Entwicklung mit seiner lapidaren Antwort auf die kritischen Stimmen zum Thema Privatsphäre bei Facebook auf den Punkt gebracht: „Privacy is an obsolete social norm.“[/quote]

Soziologen sehen uns in einer Ära der „Post-Privay“. Während sich die Gesellschaft noch den Kopf darüber zerbricht, was die Verschiebung der Grenzen zwischen Privat und Öffentlich für die Masse und das Individuum bedeutet, hat sich die Kunst schon früher diesem Thema angenommen. Künstler hatten immer ein Interesse daran, das Persönliche und Intime öffentlich zu machen, schreibt Hollein. „Am naheliegendsten ist die Dokumentation des eigenen Lebens, forschend, suchend, analysierend, sicher auch exhibitionistisch. Andere gehen investigativ vor. Sie spüren private Wahrheiten der anderen auf, von interessiert-journalistisch bis obsessiv-voyeuristisch. Der künstlerische Blick auf das Private ist auch der neugierige Blick von außen […]. Es ist der forschende Blick auf das Individuelle im Kollektiven.“ Und auf der Suche nach dem Besonderen im Allgemeinen hat sich die Kunst in den vergangenen Jahren einer mittlerweile nicht mehr ganz neuen medialen Erscheinung angenommen – dem Internet.

Das Internet ist alles und doch immer nur das, was wir daraus machen. Eines dürfte jedoch außer Frage stehen: Das Internet hat das Verhältnis und unser Verständnis von Privat und Öffentlich so stark verändert wie nie zuvor. „Die Wandlungen der öffentlichen wie der privaten Sphäre erzeugen neue Sichtbarkeiten. Vor diesem Hintergrund entfaltet sich eine omnipräsente Selbstdarstellung- und Enthüllungskultur, die eine radikale Selbstexpositionierung auf freiwilliger Basis generiert“, schreibt die Kuratorin und Autorin Martina Weinhart ebenfalls im Katalog zur Ausstellung.

Das Leben als Werk, der Kunst untergeordnet. Ein kontinuierlicher Akt der Selbstfindung. Wo früher geschwiegen wurde, wird heute gebloggt. Wo man sich früher versteckte, wird heute die Öffentlichkeit bemüht. Wir tragen unsere Masken immer noch – und vielleicht sind sogar noch einige hinzugekommen. Doch wir laden die Menschen ein, dahinter zu blicken. „Seit kurzem machen Künstler sich und uns aus unterschiedlichster Perspektive mit den Realitäten der Post-Privacy vertraut und tasten diesen noch jungen Kosmos nach inhärenten Bildern ab“, schreibt Weinhart. Die Kunst hält uns den Spiegel vor. Sie zeigt uns, welche Veränderungen um uns herum geschehen. Sie dokumentiert, was alltäglich ist. Und genau das ist es, was sie schon immer getan hat. Nur sind es heute Menschen, die nach einer Party betrunken nach Hause gehen und dabei gefilmt werden. Oder gestresste Männer und Frauen in der Bahn, die vor Erschöpfung eingeschlafen sind. Oder Teenys im Netz, die mit Bildern ihre Identität austesten wollen. Oder Google Street View oder Chat-Protokolle. All das ist in der Ausstellung zu sehen. All das sind wir. Und all das sollte man zeigen dürfen.

Es werden Dinge ausgestellt, die man so vor ein paar Jahren noch nicht hätte dokumentieren können. Das liegt an der technischen Entwicklung von Computern, Kameras, Smartphones und Co. Aber auch daran, dass sich viele Szenen, die man jetzt zu sehen bekommt, so vor 20 oder 30 Jahren noch nicht abgespielt haben. Da gibt es zum Beispiel Peter Piller. Der Hamburger Künstler hat Bilder aus Online-Dating-Portalen abgedruckt. Da ist Mike Bouchet, der unzählige Videoschnippsel aus Online-Pornos gesammelt und zu einem elektronischen Teppich vereint hat (siehe unten). Da gibt es den Blog von Ai Weiwei, den er in Form einer Installation auch als Kunstwerk im engeren Sinne ausstellt – als soziale Skulptur.

Wie kommen wir eigentlich auf die Idee, unsere schlafenden Gegenüber in der Bahn oder im Bus zu fotografieren? Hätten wir vor 30 Jahren die passenden Kameras gehabt, hätten wir es schon früher getan? Vermutlich nicht. Warum? Ganz einfach: Es hätte niemanden interessiert. Heute aber gibt es das große Internet – diese riesige Dokumentation unser aller Leben, in der jeder seine 15 Minuten Ruhm haben wird, wie es Andy Warhol voraussagte. Wenn die Kunst sich also der Privatsphäre entledigt, sollten dann nicht auch wir uns langsam daran gewöhnen?

„Jeder Akt der Schöpfung ist ein Akt der Zerstörung“, soll Picasso einmal gesagt haben. Vielleicht meinte er damit genau das: Das Ende der Privatsphäre ist der Beginn einer neuen Kunstform, an die wir uns erst noch gewöhnen müssen. In ein paar Jahren, wenn wir auf die Anfänge zurückblicken, werden wir vermutlich lachen. Genau wie wir heute über alte Dias oder Bilder von uns lachen müssen. Und darum: Wenn es um Kunst geht, sollten wir zweimal darüber nachdenken, ob uns unsere Privatsphäre wirklich so wichtig ist. Es wäre doch schade um die vielen schönen Bilder, die dann nie gemacht würden.

Titelbild: Ryan McGinley: Marcel, Ann & Coley, 2007 © Ryan McGinley 

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